Durch einen Artikel von Fritjof Meyer über die Zahl der Opfer von Auschwitz wurde eine Kontroverse ausgelöst, die beim THHP dokumentiert wird. Die Artikel und Beiträge dieser Dokumentation geben keine Stellungnahmen des THHP wieder, sondern die der jeweiligen Autoren.


Der folgende Leserbrief von Fritjof Meyer und die Antwort von Sven Felix Kellerhoff wurden erstmals veröffentlicht in:
Die Welt. 9.9.2002 (Rubrik "Briefwechsel")
© Axel Springer AG /Die WELT

Die Veröffentlichung beim THHP ist von den Verfassern autorisiert.

Autoren:
Fritjof Meyer (1932), Dipl. DHP, Dipl.-Politologe, Dipl.-Kameralist, Leitender Redakteur, Der Spiegel, Hamburg
Sven Felix Kellerhoff, Leitender Redakteur Zeit- und Kulturgeschichte, DIE WELT / Berliner Morgenpost


Die Wahrheit nützt nie den NS-Apologeten

Zu: "Linksliberaler Kronzeuge für Holocaust-Leugner"; WELT vom 28. August

Herzlichen Dank, dass Sven Felix Kellerhoff bestätigt, ich sei "alles andere als ein Holocaust- Leugner". Ich bin ein gestandener Antifaschist. Ja, den Neonazis kann man es schwerer machen oder leichter. Doch belegte, glaubhafte Aussagen machen es den Ewiggestrigen schwerer, während Übertreibungen es den NS-Apologeten nur leichter machen. Wenn jetzt das Sprachrohr der Rechtsradikalen, die "Nationalzeitung", den Massenmord an mehr als einer halben Million Menschen in Auschwitz bestätigt, dann ist das für die Auschwitz-Leugner eine Niederlage.

Mein Aufsatz, so steht es am Schluss, "relativiert nicht die Barbarei, sondern verifiziert sie – eine erhärtete Warnung vor neuem Zivilisationsbruch". Dank auch, dass Sven Felix Kellerhoff meine für wissenschaftliche Leser gedachte Studie über die Zahlen der Opfer von Auschwitz im Wesentlichen korrekt wiedergegeben hat. Ihr Resultat unterscheidet sich freilich nicht gravierend vom letzten Forschungsstand des Sachkenners Jean-Claude Pressac, der mindestens 631 000 Tote in Auschwitz, davon mindestens 470 000 im Gas ermordete Juden errechnet hat. Den Brief des SS-Bauleiters Bischoff über die "Leistung" der Krematorien nennt Pressac eine "interne Propaganda-Lüge der SS". Ich habe Zweifel an der Echtheit des Dokuments für zulässig erklärt. Dafür gibt es mehrere Gründe, vor allem die Existenz von drei unterschiedlichen Faksimile- Versionen. David Irving nenne ich einen als "erfolgreichen Rechercheur ausgewiesenen Autor, der sich zunehmend den wirren Ansichten seiner NS-Gesprächspartner angeschlossen hat" und "auf dem unsinnigen Standpunkt beharrte, in Auschwitz habe es keine Gaskammern zur Menschentötung gegeben". Richard Evans zitiert im selben Sinn mehrere anerkannte Historiker über Irving: "ein Riese in der Forschung", "profunde Recherchen", "unendlicher wissenschaftlicher Fleiß". Aber als "Kronzeugen" kann mich der Auschwitz-Leugner Irving nun wirklich nicht in Anspruch nehmen.

Fritjof Meyer,
20457 Hamburg


Die Antwort

Der Holocaust gehört zu den furchtbarsten Themen der Zeitgeschichte – und zu den sensibelsten. Denn die unbelehrbaren Auschwitz- Leugner warten nur darauf, von Autoritäten des ihrer Ansicht nach gelenkten "Medien- und Wissenschaftsapparats" direkte oder indirekte "Bestätigungen" für ihre kruden Auffassungen zu bekommen. Deshalb muss man extrem umsichtig sein, wenn man Erkenntnisse der seriösen Forschung zum Beispiel über Auschwitz infrage stellt. Das haben Sie meiner Meinung nach nicht getan – mit der Folge, dass nun Rechtsextremisten von ihrem "Erfolg" schwadronieren, weil ein "Spiegel"-Redakteur sich auf ihre Seite geschlagen habe. Es ist ein großer Unterschied, ob man den Brief des SS-Bauleiters Bischoff eine "interne Propaganda-Lüge" nennt – oder, ohne gewichtige Gründe anzuführen, von einer "Fälschung" spricht. Auch liegen Welten zwischen den von Richard Evans zitierten älteren Meinungen angesehener Historiker und seinem eigenen Urteil, auf das ich mich bezog: Evans nennt Irving einen "Geschichtsfälscher". Selbstverständlich darf und muss die Geschichtswissenschaft Erkenntnisse früherer Forscher überprüfen – und gegebenenfalls verwerfen. Nur müssen Historiker je nach Thema besonders aufmerksam mit derlei Revisionen (im Wortsinne) umgehen – sonst spielen sie denen in die Hände, die sich selbst zu Unrecht "Revisionisten" nennen.

Sven Felix Kellerhoff


Die Kontroverse um Fritjof Meyers Artikel in "Osteuropa"