Vor 70 Jahren, im Dezember 1941, hatte Japan mit dem Überfall auf Pearl Harbor einen Krieg begonnen, dem sich das Nazi-Reich mit der Kriegserklärung an die USA wenige Tage später anschloss. Damit waren der europäische und der pazifische Krieg zum Weltkrieg geworden.

Am 20. Januar 1942 versammelten sich fünfzehn hochrangige Funktionäre des nationalsozialistischen Regimes zu einer Besprechung, die später als "Wannsee-Konferenz" bekannt werden sollte. Über den Mord an den europäischen Juden musste damals aber nicht mehr entschieden werden, denn der war längst im Gange: Die bisherige Entrechtung, Verfolgung und Vertreibung der Juden wurden schon in den letzten Monaten des Jahres 1941 durch die Vernichtung der Juden abgelöst.

Im folgenden Artikel, der am 11.12.2011 in der Berliner Tageszeitung "Tagesspiegel" erschien, beschreibt der Berliner Historiker Ernst Piper diesen Beginn des Holocaust. Piper ist bekannt für seine Biographie von Alfred Rosenberg, den er als "Hitlers Chefideologen" charakterisierte. Wir danken Ernst Piper für seine freundliche Erlaubnis, seinen Artikel hier - auch in englischer Übersetzung - zu veröffentlichen.

Vor der Wannsee-Konferenz
Ausweitung der Kampfzone

von Ernst Piper

Ende 1941 greifen Japans Bomber Pearl Harbor an und Adolf Hitler erklärt den USA den Krieg. Gleichzeitig beginnt die massenhafte Deportation und Ermordung deutscher Juden - schon Wochen vor der berüchtigten Wannsee-Konferenz.

Am 18. November 1941 lud Alfred Rosenberg zu einem Presseempfang. Erst am Vortag war seine Ernennung zum "Reichsminister für die besetzten Ostgebiete" bekannt gegeben worden, dabei war er bereits seit vier Monaten im Amt. Im Sitzungssaal des Ministeriums, das seinen Sitz damals in den Räumen der ehemaligen Königlichen Jugoslawischen Gesandtschaft in der Rauchstraße 17-18 in Berlin-Tiergarten hatte, wollte Rosenberg nun auf das Kommende vorbereiten. Mitschreiben war streng verboten, Berichterstattung ausdrücklich nicht erwünscht. Der Empfang hatte einen anderen Zweck: Die anwesenden Hauptschriftleiter, wie die Chefredakteure im NS-Jargon hießen, sollten eine einheitliche Haltung einnehmen und die Dinge "in der richtigen Färbung" sehen.

Alfred Rosenberg erklärte, der Osten sei "berufen, eine Frage zu lösen, die den Völkern Europas gestellt ist: das ist die Judenfrage. Im Osten leben noch etwa sechs Millionen Juden, und diese Frage kann nur gelöst werden in einer biologischen Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa."

In vertraulicher Runde wurde hier erstmals eine Grenze überschritten. Nicht mehr von Evakuierung wurde gesprochen, vom Madagaskar-Plan, von der Entfernung der Juden aus Europa, wie sie ständig propagiert wurde. Rosenberg sprach von "biologischer Ausmerzung". Das konnte nur massenhaften Mord bedeuten.

Wenn heute von der Wannsee-Konferenz im Januar 1942, neun Wochen nach Rosenbergs Presseempfang, die Rede ist, wird zuweilen behauptet, bei dem Treffen hochrangiger Vertreter deutscher Reichsbehörden und nationalsozialistischer Parteidienststellen sei eine grundsätzliche Entscheidung zur Judenvernichtung gefallen. Das trifft nicht zu, denn die Massenmorde waren zu dieser Zeit längst im Gange. Vielmehr sind es die letzten Wochen des Jahres 1941, die einen wichtigen Kulminationspunkt auf dem Weg zur Judenvernichtung darstellen.

Nachdem in den eroberten Ostgebieten bereits Hunderttausende Juden ermordet worden waren, begannen im Herbst 1941 nun auch die Deportationen "reichsdeutscher" Juden nach dem Osten. Am 20. November wurden 1852 Männer, 2755 Frauen und 327 Kinder aus Berlin, Frankfurt am Main und München deportiert und fünf Tage später unmittelbar nach ihrer Ankunft im Fort IX vor den Toren der litauischen Stadt Kaunas erschossen. Am 29. November fand dort eine zweite große Erschießungsaktion statt, der Juden aus Wien und Breslau zum Opfer fielen.

Am selben Tag lud in Berlin der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich zu einer Besprechung am 8. Dezember mit anschließendem Frühstück, bei der es um "alle erforderlichen Vorbereitungen ... für eine Gesamtlösung der Judenfrage in Europa" gehen sollte. Heydrich war damals auch Präsident der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission. Als Ort der Unterredung war deren Dienststelle, Am Kleinen Wannsee 16, vorgesehen.

Die Besprechung sollte nicht stattfinden. Sie wurde kurz vorher abgesagt - wegen eines Ereignisses, das sich fast 12 000 Kilometer entfernt zutrug und entscheidende Bedeutung für den weiteren Kriegsverlauf haben sollte: Am Morgen des 7. Dezember startete die japanische Luftwaffe von sechs Flugzeugträgern aus ihren Angriff auf den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor. Über 2400 Soldaten kamen ums Leben, ein Dutzend Schiffe sank oder strandete, mehr als 300 Flugzeuge wurden zerstört oder beschädigt. Einen Tag später erklärten die Vereinigten Staaten Japan den Krieg. In Berlin unterrichteten Heydrichs Mitarbeiter die zur Konferenz am Wannsee Geladenen, dass die Zusammenkunft verschoben werde.

Am 11. Dezember rief Adolf Hitler die "Männer des Reichstags" zusammen, um in ihrer Gegenwart den USA den Krieg zu erklären. Es sollte bis November 1942 dauern, bis amerikanische und deutsche Soldaten beim Afrikafeldzug erstmals direkt miteinander in Kontakt kamen. Dennoch befand sich Deutschland nun schlagartig in einem Weltkrieg, ein Begriff, den man bis dahin nur für den Krieg der Jahre 1914 bis 1918 benutzt hatte. In seiner Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 hatte Hitler die "Prophezeiung" ausgesprochen, dass die Konsequenz eines neuen Weltkriegs die Vernichtung der Juden sein werde. Dieser Fall war seiner Meinung nach nun eingetreten.

Am folgenden Tag lud Hitler die Reichs- und Gauleiter der NSDAP, etwa 50 Personen, in die Reichskanzlei ein und sagte unverblümt wie nie zuvor, um was es ihm eigentlich ging. Joseph Goebbels notierte in seinem Tagebuch: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. (...) Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein."

Alfred Rosenbergs Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete war auf allen Ebenen - auf der administrativen wie planerischen, auf der politischen wie ideologischen - an der Umsetzung des millionenfachen Mordprogramms beteiligt. Am 14. Dezember hatte Rosenberg eine Einzelbesprechung mit Hitler, anschließend notierte er über das Treffen: "Ich stände auf dem Standpunkt, von der Ausrottung des Judentums nicht zu sprechen. Der Führer bejahte diese Haltung und sagte, sie hätten uns den Krieg aufgebürdet und sie hätten die Zerstörung gebracht, es sei kein Wunder, wenn die Folgen sie zuerst träfen." Rosenberg und Hitler waren sich einig: Die Juden sollten ausgerottet werden, das bekannt zu geben, schien zu diesem Zeitpunkt aber nicht zweckmäßig.

Alfred Rosenberg war ein nationalsozialistischer Ideologe und überzeugter Antisemit. Er stammte aus dem estnischen Reval, dem heutigen Tallinn. Seine Gegner argwöhnten, er spreche besser Russisch als Deutsch. In den Jahren des Aufstiegs der NSDAP hatte er eine wichtige Rolle gespielt, war aber nach 1933 zunehmend an den Rand des politischen Machtzentrums geraten. Als Hitler 1939 mit Stalin einen Nichtangriffsvertrag schloss, war Rosenberg an den Vorbereitungen nicht beteiligt, denn für einen solchen machtpolitischen Pragmatismus fehlte dem fanatischen Hetzer gegen die "jüdisch-bolschewistische Sowjetunion" jedes Verständnis.

Nun, da der Kampf gegen die Sowjetunion ging, wurde Rosenberg wieder gebraucht. Schon im April 1941, die Vorbereitungen für den Angriff liefen auf Hochtouren, hatte Hitler ihn zu sich gerufen. Am Ende einer mehrstündigen Unterredung sagte er zu ihm: "Rosenberg, jetzt ist Ihre große Stunde gekommen!"

Im Ostministerium gab es zunächst Vorbehalte gegen das massenhafte Ermorden von Juden. In den letzten Wochen des Jahres waren dafür keine Anzeichen mehr erkennbar. Am 18. Dezember schrieb der Diplomat Otto Bräutigam, der die Abteilung "Allgemeine Politik" im Ministerium leitete, an den Reichskommissar Ostland Hinrich Lohse: "In der Judenfrage dürfte inzwischen durch mündliche Besprechungen Klarheit geschaffen sein. Wirtschaftliche Belange sollen bei der Regelung des Problems grundsätzlich unberücksichtigt bleiben." Dieses Dokument zeigte es deutlich: Die Juden sollten ausnahmslos ermordet werden. Nicht einmal Zwangsarbeiter waren davon ausgenommen.

Am 8. Januar 1942, einen Monat nach dem ursprünglich angesetzten Termin für die Konferenz am Wannsee, versandte Reinhard Heydrich erneut Einladungen zu einer Besprechung. Diese sollte nun am 20. Januar im Gästehaus des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Am Großen Wannsee 56-58, stattfinden. Heydrich brachte mehrere Mitarbeiter mit, unter ihnen Adolf Eichmann, der das Protokoll führte. Neben Vertretern des Rasse- und Siedlungshauptamtes, der Parteikanzlei und der Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten im Osten befanden sich unter den 15 Teilnehmern auch zwei Vertreter des Ostministeriums: Staatssekretär Alfred Meyer und Georg Leibbrandt, Leiter der Hauptabteilung Politik.

Die Wannsee-Konferenz erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem der deutsche Vormarsch zum Stillstand gekommen war. Es wurde immer deutlicher, dass der "Arbeitseinsatz im Osten", im nicht eroberten Sibirien etwa, Fiktion bleiben würde und die "Evakuierung" von Juden für viele den sofortigen und die Übrigen den nur aufgeschobenen Tod bedeutete. Unmittelbar nach der Konferenz setzten flächendeckende Deportationen in Deutschland ein, außerdem wurde das Mordgeschehen mit einem umfassenden Zwangsarbeitsprogramm verzahnt.

Der Konferenz schlossen sich mehrere Nachfolgetreffen an, am 29. Januar etwa im Ostministerium. Hier war die Mischlingsfrage, die schon am Wannsee eine wichtige Rolle gespielt hatte, ein Hauptthema. Die Radikalen unter den Vernichtungsbürokraten drängten darauf, in den besetzen Ostgebieten - anders als im Deutschen Reich - die sogenannten "Halbjuden" genauso zu ermorden wie die "Volljuden".

Im Frühjahr 1942 begann die zweite und furchtbarste Mordwelle, an deren Ende die Auflösung der Ghettos stand. Innerhalb von zwölf Monaten starben 50 Prozent aller Holocaust-Opfer. Dies hat zu dem falschen Eindruck beigetragen, die Judenvernichtung sei auf der Wannsee-Konferenz beschlossen worden. Tatsächlich war sie schon im Gange, während etliche Fragen zur Durchführung noch diskutiert wurden.

Rosenbergs Gebietskommissare in den der Zivilverwaltung unterstellten Ostgebieten versuchten zuweilen, Himmlers Kommandos in ihrer Tötungseffizienz noch zu übertreffen. Es waren dieselben Leute, die Monate zuvor noch gegen die Vernichtung von Arbeitskräften protestiert hatten. Wilhelm Kube, Generalkommissar für Weißrussland, der zunächst Skrupel gehabt hatte, deutsche Juden zu exekutieren, entpuppte sich als besonders eifriger Mörder. Im Sommer 1942 berichtete er, man habe in den vergangenen zehn Wochen 55 000 Juden liquidiert. Rivalitäten gab es gelegentlich gegenüber der Militärverwaltung, worüber Kube klagte: "Das Rückwärtige Heeresgebiet hat, ohne Fühlung mit mir zu nehmen, 10 000 Juden liquidiert, deren systematische Ausmerzung von uns sowieso vorgesehen war." Doch zumeist war Kube selbst aktiv: "Auch das Gebiet Sluzk ist um mehrere Tausend Juden erleichtert worden." 1943 wurde der Zyniker Kube von einer weißrussischen Partisanin, die sich als Dienstmädchen getarnt hatte, mit einer Bombe getötet.

Alfred Rosenberg wurde 1946 in Nürnberg hingerichtet. Sein Staatssekretär Alfred Meyer nahm sich im April 1945, angesichts der Unausweichlichkeit der Niederlage, das Leben. Ganz anders der Bonvivant Georg Leibbrandt. Beim Wilhelmstraßen-Prozess, dem letzten der zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse, war er unbegreiflicherweise nicht angeklagt, sondern nur als Zeuge geladen. Das Protokoll der Wannsee-Konferenz, das zum Zeitpunkt des Hauptkriegsverbrecher-Prozesses noch unbekannt war, hatte der unermüdliche Ankläger Robert Kempner inzwischen gefunden. Die Teilnehmer der Konferenz hatten die Weisung, das Protokoll nach der Lektüre zu vernichten. Der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Martin Luther war dieser Weisung nicht gefolgt. Seine Ausfertigung des Protokolls war nun ein wichtiges Beweismittel.

Am 21. Mai 1947 nahm Kempner den Zeugen Georg Leibbrandt ins Kreuzverhör. Dabei ergab sich ein denkwürdiger Dialog, in dem es Kempner innerhalb weniger Minuten gelang, den Zeugen zu überführen.

Kempner: Waren Sie mal am Wannsee? Da hatte das Reichssicherheitshauptamt eine Sitzung?

Leibbrandt: Ja, da war mal eine Besprechung, ein Mittagessen. Heydrich hatte wohl dazu eingeladen, soviel ich weiß.

Kempner: Was wurde da besprochen?

Leibbrandt: Meines Wissens alles Mögliche.

Kempner: Zum Beispiel?

Leibbrandt: Über den ganzen Kampf im Osten wurde gesprochen (...).

Kempner: Wer war da noch da? Hatte das auch mit Juden zu tun?

Leibbrandt: Das ist wohl auch zur Debatte gekommen.

Kempner: Da hat der Herr Leibbrandt an einer entscheidenden Sitzung über die Endlösung der Judenfrage teilgenommen? Das Protokoll habe ich.

Leibbrandt: Über die Endlösung der Judenfrage?

Kempner: Ja, lesen Sie aus diesem Dokument (...) die zweite Zeile. Was steht da?

Leibbrandt: Mein Name ... Es war eine übliche Besprechung, ohne genau zu wissen, was los ist, und dann wird ein Protokoll aufgesetzt.

Kempner: Der Plan ist koordiniert worden, was jedes Ministerium zu tun hat?

Leibbrandt: Ausgeschlossen.

Kempner: Läuft Ihnen noch ein kalter Schauer herunter, wenn Sie an die Sitzung denken? Waren Sie erschüttert oder nicht?

Leibbrandt: Das kann man wohl sagen.

Nachdem er sich erst an die Sitzung nicht erinnern wollte, gestand Leibbrandt wenig später, erschüttert gewesen zu sein. Konsequenzen gab es nicht, ein Gerichtsverfahren gegen Leibbrandt wurde nie eröffnet. In der bundesrepublikanischen Hauptstadt Bonn begann er eine zweite Karriere als Industrielobbyist und starb 1982 im 83. Lebensjahr, ohne noch einmal mit unangenehmen Fragen behelligt worden zu sein.


THHP's English translation of this article is here.